70 Jahre und noch nichts ist vorbei

Gedanken zu einem Gedenktag

Vor 70 Jahren, am 23. Februar 1945, wurde meine Geburtsstadt Pforzheim bei einem alliierten Luftangriff völlig zerstört. Obwohl Pforzheim keine kriegswichtige Industrie mehr besaß, kam es zu diesem Angriff, der mit Spreng- und Brandbomben (Phosphor) primär die Moral der Bevölkerung treffen sollte. Dabei kamen mehr als 18000 Menschen ums Leben und über 80% der Wohnfläche wurden zerstört. Die Menschen verbrannten oder erstickten in den Schutzräumen und Kellern, viele ertranken, weil die Wehre und die Wände der kanalisierten Flüsse brachen. In den folgenden Tagen mussten 30000 Menschen versorgt werden, die sich obdachlos in die umgebenden Ortschaften geflüchtet hatten.

Schuttberge

Bahnofstrasse

Ich kann mich aus den Jahren um 1954 an große Brachflächen im Stadtzentrum erinnern, wo man noch die Grundmauern mit den Kellerfenstern der Wohnhäuser sah. Der Kinderwagen für mein Brüderchen wurde in einer Behelfsbaracke in der Innenstadt hergerichtet. An anderen Stellen baute man neu, in heute gesichtslos wirkendem Stil, verbreiterte die Straßen oder legte neue autogerechte Trassen quer durch die Trümmerfelder. Die alten Stadtviertel verschwanden, es gab bessere Häuser, schönere Straßen, immer mehr Autos. Trotzdem fühlten sich junge Menschen seltsam unbehaust, suchten die Kneipen in den Vorstädten, gründeten Jugend- und Kulturzentren. Was war vom guten Leben der alten Leute geblieben?

Anfang 1945 war meine Mutter mit 17 Jahren von einer der Nazi-Jungmädel-Organisationen aufs Land in Sicherheit gebracht worden. Ihr Vater und ihr Bruder waren im Kriegseinsatz. Als die Bomben fielen, verloren sie mit einem Mal sämtliche weiblichen Mitglieder der Familie in dem Feuersturm, der die Innenstadt völlig zerstörte. Das Gebiet um die Auerbrücke, wo die Familie wohnte, war das Zentrum des Infernos. In den Tagen danach kletterten die Menschen über Berge von Schutt, gruben ihre Toten aus den Kellern und brachten die Überreste mit Leiterwagen auf die Friedhöfe der Nachbarorte, weil die Pforzheimer Friedhöfe sie nicht mehr aufnehmen konnten. Viele Jahre lang waren die Gräber regelmässig Ziel von Sonntagsausflügen. Erst später habe ich verstanden, welche Verwüstungen solche Erfahrungen in den Seelen der Menschen anrichten, ihnen Gefühle von Sicherheit und Geborgenheit oder Hoffnung rauben. Schon früh aber habe ich die Zerstörungen in den Trümmern und in den Erwachsenen um mich gesehen. Ich erinnere mich noch an meine Träume als Kind, in denen die Dächer der Nachbarhäuser brannten und Frauen mit brennenden Haaren in den Fenstern standen.

Den Männern wie meinem Vater, die an allen Fronten gewesen waren und wenig über ihre Erlebnisse redeten, ging es nicht besser als den Frauen, die den Bombenkrieg erlebt hatten. Der Großvater saß nach zwei Weltkriegen invalide zu Hause, die Großmutter war oftmals schwanger geworden und hatte vom Staat das Mutterkreuz bekommen. Zum Lohn war sie nach dem Verlust mehrerer Kinder körperlich und psychisch früh am Ende. Was blieb? Der Andenken-Säbel vom Kaisergeburtstag, die Taschenuhr des französischen Soldaten von Verdun, der “Feuersee”, ein Löschwasserbecken, das nach dem Krieg mit Trümmern gefüllt wurde, Verlockungen für die Fantasie der Jungen.

Diese Erfahrungen scheinen die jüngeren Überlebenden dazu gebracht zu haben, durch Arbeit und materielle Sicherheit zu kompensieren, was sie an Lebensfreude versäumt hatten: Ihre Kinder sollten “es einmal besser haben”. Was macht einem das, auf diese Weise Aggression und Gewalt erlebt zu haben, wie ändert das einen, wie gibt er es an seine Kinder weiter?

Nicht nur auf die persönlichen Entwicklungen gab es langfristige Auswirkungen, auch auf die Gesellschaft. Viele Jahre später fiel mir als kleine Beobachtung auf, dass zwar viele stolz waren auf ihren Pforzheimer Dialekt, aber kaum jemand ihn wirklich gesprochen hat. Wegen der vielen ausgebombten Mitbürger wurde die vertraute Nachbarschaft der Stadt völlig durcheinandergewirbelt; dazu kamen die vielen Flüchtlinge aus den Ostgebieten, die aufgenommen werden mussten. Das hat man tapfer und solidarisch ertragen, trotzdem gab es viele Äusserungen, die fatal an heutige Reden erinnern (“Die kommen daher, kriegen gleich eine neue Wohnung und jetzt hat der auch schon ein Auto”). Der Lastenausgleich für Vermögensschäden, für Spätheimkehrer und Vertriebene führte zu Ressentiments, die den heutigen ganz ähnlich sind. Der Drang nach wirtschaftlicher Sicherheit für die Familie und für die Gemeinde, Zukunftsängste sowie die Furcht vor Veränderungen scheinen mir damals eine ähnlich wichtige Rolle gespielt zu haben wie heute wieder.

Pforzheim hat den Ruf, Rechtsradikale anzuziehen. Möglicherweise hat das damit zu tun, dass die Katastrophe von 1945 zur Mythenbildung genutzt werden kann. Am Stadtrand wurde nach 1945 auf dem Wartberg aus den Trümmern ein Gipfel errichtet, der zum Aussichtspunkt am Tag und bei Nacht, aber auch zum Mahnmal ausgebaut wurde. Jahrzehnte nach dem Luftangriff finden sich dort zum Jahrestag immer noch die zusammen, die Nationalismus, Rassismus und Kriegsbegeisterung mit Fackelaufmärschen feiern. Glücklicherweise besitzt die Stadt eine starke Zivilgesellschaft, die deutlich macht, dass die Menschen aus Erfahrungen auch lernen können. Auch dieses Jahr haben die Bürgerinnen und Bürger ein starkes Zeichen gesetzt, während die Rechtsradikalen eine armselige Truppe blieben. Wenn man die aktuellen Entwicklungen in Europa, speziell in der Ukraine sieht, wenn man das Gerede hört von der Verantwortung Deutschlands in der Welt, dann kann man nur hoffen, dass die Bürger stark bleiben. Herr Bundespräsident, wem reden Sie da zum Gefallen? Wissen Sie denn immer, neben wem Sie gehen und wen Sie unterhaken? Was haben Sie für Visionen, wenn Ihr Blick nach links oben geht?

… für Pforzheim mit Trauer und guten Wünschen …

Städte in Schutt

Brecht – Gedichte für Städtebewohner

Die Pforzheimer Zeitung bietet ein Dossier mit vielen Bildern und Dokumenten zum Gedenktag an, darunter persönliche Schilderungen und ein zeitlich genau gegliederter Bericht der Abläufe am Tag des Angriffs.
Pforzheimer Zeitung / Gedenktag

Die Wikipedia kann man für weitere Informationen benutzen. Dort findet man auch Links zu weiteren Quellen.
Wikipedia / Luftangriff auf Pforzheim

Das Foto der Bahnhofstrasse ist aus dem PZ-Dossier kopiert.

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