Neues von der Leitkultur: Einmal in der Woche passiert etwas Krasses

“Was braucht des Deutschen Herz?”

Seit der Zeit der Paulskirche lautet die Antwort der Demokraten: Wir brauchen eine Verfassung, die die Vielfalt unseres Landes spiegelt: Die Vielfalt unserer Spraxche, unserer Charaktere, unserer Regionen. Eine Verfassung, die sich bekennt zu Offenheit und Respekt gegenüber unseren Nachbarn. Eine Verfassung, wie wir sie seit 1949 haben, auf der man eine freiheitliche, friedliche Republik gründen kann. Den Basistext einer Leitkultur gewissermassen, der nicht zu einem starren Regelwerk führt, sondern zu einem offenen kommunikativen Prozess, in dem man sich immer wieder neu zusammenfinden kann.

Oder braucht das Herz der Deutschen einen Satz von Regeln, wem man die Hand zu schütteln habe, wer ein Kopftuch tragen darf und wie man es bindet, oder welche Religion in der Öffentlichkeit sichtbar sein darf und welche nicht? Wer legt diese Regeln fest und wer setzt sie mit welchen Mitteln durch? Neuerdings gibt es eine Partei und es treten Gruppen auf, die diesen Anspruch erheben, zu bestimmen, wie ein Deutscher zu sein hat, wie er aussieht, wie er spricht, ob er geduldet wird. Wer dazugehört und wer auszuschließen ist. In der Karlsruher Tageszeitung BNN erschien ein Artikel, in dem eine kopftuchtragende Muslimin klagte, sie werde wegen ihrer Kleidung in der Öffentlichkeit regelmässig belästigt und angegriffen: “Einmal in der Woche passiert etwas Krasses”. Die Reaktionen der Leser waren vielfältig, darunter “Soll sie halt das Kopftuch weglassen”, “Meine Freunde und ich wissen noch, was Sitte in unserem Land ist” oder “Muss man halt ertragen”. Einige Tage bevor unser Innenminister wieder einmal die Leitkulturdebatte angestoßen hat, habe ich dazu folgenden Leserbrief geschrieben, der Ende April veröffentlicht wurde.

Der Artikel zu diesem Thema Pöbeleien gegen eine Kopftuchträgerin hat ein erfreuliches Spektrum an Lesermeinungen hervorgerufen. Ich möchte gerne noch einige Sätze dazu beitragen. In einem Brief heisst es, Anpöbeln der jungen Frau ginge zwar nicht, aber … Wer ein Kopftuch trägt und es nicht wenigstens so bindet wie die Oma des Schreibers, sei selbst schuld an den Folgen. Ist das nicht eine billige Reaktion, dem Opfer der Handlung die Schuld zuzuschieben? Dabei ist es nicht das Kopftuch, sondern die Art des Tragens, die Ausdruck einer bestimmten Religion ist, die stört. Dabei bedient man sich Behauptungen über das, was hier angeblich Sitte und Gebrauch sei. Haben wir nicht Religionsfreiheit in der Verfassung stehen? Zeigen nicht auch andere Religionen sich in der Öffentlichkeit durch Haartracht oder Kleidung? Seit wann lassen wir es zu, dass kleine Gruppen darüber bestimmen, welche Kleidung als “Landessitte” in unseren Strassen genehm ist und welche nicht?

Es geht hier wohlgemerkt nicht nur um Gäste, sondern genauso um unsere eigenen Bürger. Es wird verschiedentlich darauf verwiesen, dass von Gästen in anderen Ländern bestimmte Kleidung erwünscht wird. Kurze Hosen und Badelatschen sind auch in unseren Gotteshäusern unerwünscht. Weitergehende Verbote zeugen in der Tat oft von Intoleranz, Frauenfeindlichkeit und Unterdrückung. Das heisst doch aber nicht, dass wir das Verhalten der Intoleranten und Frauenfeinde für uns selbst zum Maßstab machen sollten. Wollen wir diejenigen unterdrücken, die aus Furcht vor den Unterdrückern zu uns kommen?

Vom Tenor “Meine Freunde und ich wissen erfreulicherweise noch, was heimische Gepflogenheiten sind” bis zur Sitten- und Religionspolizei ist es nicht weit. Die Verteidigung unserer “Sitten und Gebräuche” sollte sich an den Prinzipien von Menschenrechten und Grundgesetz orientieren. Von der Brexit-Abstimmung über diverse Landtagswahlen bis zum Türkei-Referendum – ganz zu schweigen vom Terrorismus – zeigt sich immer wieder, dass es genau diese Prinzipien sind, die wir gegen Angreifer von innen genau wie von aussen verteidigen müssen. Wir sollten in Deutschland acht geben, uns nicht immer als den “Normalfall” und das Verhalten der “anderen” als Abweichung vom “Normalen” zu betrachten. Wie wir hier zusammenleben, muss ein offener Prozess bleiben und darf nicht starren dogmatischen Regeln unterworfen werden. Unsere Gesellschaft kam Jahrzehnte lang ganz gut zurecht mit dem demokratischen Aushandeln der Regeln ihres Zusammenlebens. Wenn man auf einer Weltkarte nach den Staaten Europas sucht, stellt man fest, wie klein die Fläche und wie groß die Vielfalt der Menschen ist. Wir dürfen sie nicht den Kräften von gestern überlassen, sondern müssen sie solidarisch im gegenseitigen Respekt weiterentwickeln.

Zum Thema Leitkultur erschien in Spiegel Online ein Gastbeitrag von Jörg Bong, Literaturwissenschaftler, Verleger bei S.Fischer, Autor (u.a. Autor der Bretagne-Krimis des Pseudonyms “Luc Bannalec”), und manches andere.
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/leitkultur-wir-sind-viel-zu-zurueckhaltend-gastbeitrag-a-1145962.html

Letzte Bearbeitung: 07.05.2017

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