Das Problem, das heute den Horizont versperrt, ist die Notwendigkeit einer Neuverteilung der Reichtümer

Kalenderblatt: Am 20. Juli 1925 wurde Frantz Fanon geboren

Frantz Fanon

Frantz Fanon

Manchmal ergeben sich beim Lesen älterer Texte überraschend Bezüge zu aktuellen Problemen. Frantz Fanon, der Verfasser von “Die Verdammten dieser Erde”, war ein wichtiger Theoretiker des Antikolonialismus. Grundlegend für seine Gedanken war die Erkenntnis, dass die Ideen der französischen Revolution nur sehr selektiv Geltung besassen. Das Gefühl der Weissen, überlegen zu sein, bedeutete umgekehrt eine neurotisches Unterlegenheitsgefühl der Schwarzen. Fanon lehnte die Verklärung der vorkolonialen Kultur ab und basierte seine Theorien auf die emanzipatorischen Ideen der Linken und des Existenzialismus. Als Arzt betreute er Opfer der kolonialen Unterdrückung, von Bürgerkriegen und Folter. Aus der Vorstellung der Weissen, den Kolonisierten überlegen zu sein, ergibt sich nach Fanon ein neurotisches Minderwertigkeitsgefühl der Kolonisierten gegenüber den Weissen. Entkolonisierung bedeutet demnach auch die Emanzipation von dieser neurotischen Beziehung.

Jean-Paul Sartre schreibt im Vorwort zu den “Verdammten” 1961 sinngemäss, lange Zeit hätten die gelben und schwarzen Stimmen vom europäischen Humanismus gesprochen, um den Europäern ihre Unmenschlichkeit zu verdeutlichen, aber die höflichen Vorträge der Verbitterung seien nur auf herablassende Ignoranz gestossen. Mit Frantz Fanon sei eine andere Generation gekommen.

Wörtlich schreibt Sartre, wobei er Fanon zitiert: >>Hören Sie: “Verlieren wir keine Zeit mit sterilen Litaneien oder ekelhafter Nachäfferei. Verlassen wir dieses Europa, das nicht aufhört, vom Menschen zu reden und ihn dabei niedermetzelt, wo es ihn trifft.” … Dieser Ton ist neu. Wer wagt ihn anzuschlagen? Ein Afrikaner, ein Mann der Dritten Welt, ein ehemaliger Kolonisierter. Er fügt hinzu: “Europa hat ein derart wahnsinniges und chaotisches Tempo erreicht, dass es sich auf Abgründe zubewegt, von denen man sich lieber so schnell wie möglich entfernen sollte.” Anders gesagt: Es ist im Eimer.<<

Nochmals Frantz Fanon selbst: “Dieser europäische Überfluss ist buchstäblich skandalös, denn er ist auf dem Rücken der Sklaven errichtet worden, er hat sich vom Blut der Sklaven ernährt, er stammt in direkter Linie vom Blut und der Erde dieser unterentwickelten Welt…. Wir haben beschlossen, das nicht mehr zu vergessen.”

Was hat sich an dieser Beschreibung bis heute geändert? Wenn heute von der Afrika-Politik der EU und ihrer Staaten die Rede ist, wird von unserem Überkonsum und der damit verbundenen Beschaffung von Rohstoffen, Agrarland gesprochen: Ölförderung, Mineralien, Edelmetalle, Biosprit verlocken zu Geldanlagen. Die Gewinne landen bei wenigen korrupten afrikanischen Eliten und zum größten Teil bei den internationalen Konzernen. Europäische Agrarsubventionen sorgen für die Überschwemmung Afrikas mit Hühnerteilen, Milchpulver, Tomaten und anderen Gemüsen und als Konsequenz die Zerstörung der lokalen afrikanischer Märkte. Bei Betrachtung der Art, wie die Europäer mit der seit Jahren andauernden “Krise” umgehen, kommt mir der Ausspruch des Soziologen Prof. Tirmiziou Diallo in den Sinn, der an deutschen und afrikanischen Universitäten lehrte. Er sagte, um die Zukunft Afrikas sei ihm nicht bange, viel mehr sorge er sich um uns Europäer.

Links:
Wikipedia-Eintrag Frantz Fanon
Fanon bei Youtube
Robert Foltin – Frantz Fanon wiederlesen?
“Europa muss aufhören, uns Fallen zu stellen” Interview mit Prof. Tirmiziou Diallo

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