Die Welt ist schauderhaft, gut dass wir leben

Dieser Artikel handelt von einem Buch:
Hundezeiten
Patrice Nganang
Peter Hammer Verlag
ISBN 3-87294-940-3

Mbudjak erlebt die Welt “von unten”. Er lebt in Yaoundé in Kamerun, beobachtet das Leben im Slum “Madagascar” und erzählt von seinen Erlebnissen mit den anderen, die auch dort leben. Aber auch das sieht er “von unten”, denn er ist ein Hund. “Ich bin ein Hund. Wer, wenn nicht ich, könnte dies so demütig eingestehen? … Mit der Zeit habe ich gelernt, mich einzurichten in dem, was mir vom Schicksal vergönnt ist.”

Er beschreibt die Menschen in seiner Umgebung und erzählt, was er mit ihnen erlebt. Er ist der Hund des Kneipiers Massa Yo. Da hat er viele interessante Studienobjekte, allen voran seinen Herrn selbst, der großspurig in seiner armeseligen Bretterbude Bier ausschenkt, allen Mädchen und Frauen nachstellt, aber bei keiner Erfolg hat. Dann wäre da Nzui Manto, der Panther, der Meister aller Geschichtenerzähler, der jeden Nachmittag erscheint, um Bier zu schnorren und Geschichten zu erzählen, die umso begeisterter aufgenommen werden, je unglaubwürdiger sie daherkommen. Oder Sumi Docta, der begabte Ingenieur, dessen Karriere irgendwo im bürokratischen Sumpf Kameruns versackt ist. Alle Figuren politisieren, schimpfen auf die Regierung, aber nicht zuviel, weil sie ihre Erfahrungen mit der allgegenwärtigen Korruption, Willkür und Straflosigkeit haben. “Was sollen sie sonst tun, das Land ist in einer Krise”. Jeder richtet sich irgendwie ein.

Mbudjak ist ein Hund, aber auch irgendwie nicht, und das macht ihn für den Leser glaubhaft. Er reflektiert seine Rolle. Er lässt sich auf die Menschen ein, denn er ist von ihnen abhängig. Andererseits nimmt er Distanz zu ihnen, wo nötig. “‘Ein Hund, den man füttert, ist kein Hund mehr’, hatte er eines Tages gesagt, als ihm der Kragen platzte, ‘sondern ein Kind!’ Ich, Mbudjak, war aber kein Kind. Das wusste ich genau”. “Ich hatte nie den Wunsch, ein Mensch zu werden, trotzdem versetzte ich mich oft in die Situation meines Freundes, um seine Ausrutscher zu verstehen und zu verzeihen”.

Mbudjak kommt überall herum, er sieht bessere und schlechtere Gegenden, erlebt Abenteuer mit mehr oder weniger aufrechten Zeitgenossen, gerät in Verbrechen, in Krawalle und persönliche Dramen. Er scheint die Menschen liebenswert zu finden, indessen: “Als ein Mensch angesehen zu werden, wird aber trotzdem immer die schlimmste Beleidigung bleiben, die man mir gegenüber äußern kann.”

Mbudjak unterhält gerne seine Leser, bietet aber auch vieles Nachdenkenswertes an. Er berichtet über die politischen Verhältnisse und wie der kleine Mann damit umgeht. Er behält aber immer den Kopf oben und seine Geschichten handeln von Würde und Respekt: “Mbudjak, Du hast Dir geschworen, Dir trotz aller Irreführungen, die dem Chaos entspringen, den Verstand zu bewahren”.

Der Autor Patrice Nganang ist in Yaoundé geboren, hat zuerst dort, dann in Frankfurt und Berlin studiert und lebt jetzt in den USA. Er hat über Brecht promoviert, ist jetzt Assistant Professor für Französisch und Deutsch und schreibt hauptsächlich auf Französisch. Er hat mehrere wichtige Preise erhalten.

Tags: , ,

Comments are closed.