Fidel Castro und die schmutzigen Hände


Notizen zum Tod eines Helden und Diktators


Nach dem Tod von Fidel Castro zeigen sich viele Kommentatoren befriedigt, dass ein weiterer blutiger Diktator aus der Welt sei. Wer in Castro auch den linken Revolutionär sieht, der sein Land vorwärts bringen wollte, wird von diesen Leuten als Sozialromantiker beschimpft, der im bequemen Sessel von der Revolution träumt. Ein wenig komplizierter ist die Gesachichte allerdings schon.

Wenn man die Zeit des Kalten Krieges und der kubanischen Revolution mitbekommen hat, braucht man nicht den abgegriffenen Ausdruck “US-Imperialismus” zu bemühen, um die Sache etwas differenzierter zu sehen. Vor Castro gab es auf Kuba eine USA-freundliche Militärdiktatur unter Fulgencio Batista. Davon profitierte wie üblich eine kleine Oberschicht des Geldadels, und die Guerilla brachte der breiten Masse genau das, was fehlte: Bildung,. Gesundheit, Arbeit. Befreiung von der Despotie war eine Errungenschaft, aber Demokratie sicher nicht das erste, was die Menschen anstrebten.

Obwohl Castro versuchte, sich mit den USA zu arrangieren, gab es von dort nur Versuche, ihn zu stürzen, umzubringen, oder sonst zu schädigen. Das ist keine Propaganda, sondern von CIA und Co bestätigt: In wenigen Jahren gab es Hunderte Anschläge, Mord- und Umsturzversuche. Dazu kam die wirtschaftliche Blockade durch die USA, die die Entwicklung des Landes unmöglich machte. Und dazu kam der Kalte Krieg, der kleinere Länder wie Kuba unter Druck setzte, bei einer Seite Unterschlupf zu suchen, um sich vor der Vereinnahmung durch die andere Seite zu schützen.

In der Lage Castros landete man zuverlässig auf der Einladungsliste der UdSSR, die sich aber für die Unterstützung auch bezahlen ließ, z.B. mit der Teilnahme der Kubaner am Krieg in Angola gegen die Apartheidsregierung von Südafrika. Das war ein antikolonialistischer Befreiungskampf, andererseits aber auch ein Stellvertreterkrieg in der Ost-West-Auseinandersetzung. Ich schließe daraus: Im Kalten Krieg geriet Kuba zwangsläufig zwischen die Fronten und Castro konnte tun, was er wollte, er hatte immer schmutzige Hände. Sich über Wasser halten brachte ihn nach allen Seiten, auch zu Hause, in die Bredouille. Deshalb gab es innenpolitisch einerseits Unterdrückung, andererseits durchaus Erfolge, wie etwa bei der Entwicklung der Gesundheitsversorgung, die für manches Entwicklungsland zum Vorbild wurde. Auch eine brutale Diktatur kann sich nicht Jahrzehnte halten ohne die Unterstützung von breiten Schichten der Bevölkerung. Die strategische Situation muss nach innen zu einer Kombination aus Repression und sozialer Entwicklung führen, nach aussen zum Taktieren zwischen Blockfreiheit und Anlehnung an eine der Großmächte.

Die Schaukelpolitik der kubanischen Regierung hat nach dem Ende der Sowjetunion nicht aufgehört, sie ist nur neu austariert worden. Die Regierung versucht nach wie vor die Öffnung, aber ohne sich zur neoliberalen Kolonie der USA zu machen. Die Erfolge der Regierung einerseits und die Gräuel des Apparats andererseits kann man natürlich nicht gegeneinander aufrechnen. Zur historischen Einordnung eines Fidel Castro als Despoten oder als Helden muss man sie aber sehr wohl nebeneinanderstellen. Geschichte entsteht aus sozialen Bedingungen heraus, die konkreten Ereignisse werden aber von den Personen gemacht, seien sie Helden oder Despoten.

Mich haben die Diskussionen dieser Tage an das Stück “Die Schmutzigen Hände” von Jean-Paul Sartre erinnert. Wir sitzen hier in unseren bürgerlichen Anarcho-Sesseln, die einen ziehen Handschuhe an und halten die Moral damit hoch, die anderen schwärmen von blutigen Messern in ihren Händen. Ich denke, Castro hat das dritte gemacht: Er ist aus dem Sessel aufgestanden und hat gehandelt. Sartres Figur Hoederer, möglicherweise Sartres Interpretation von Stalins Gegner Leo Trotzki, sagt: “Ich habe schmutzige Hände. Glaubst du, man kann unschuldig herrschen?”

Als Margaret Thatcher starb, haben Hunderttausende auf der Straße getanzt. Noch heute finden ebenso viele das nicht daneben, sondern freuen sich immer noch, dass sie jetzt in der Hölle schmort (so es die gibt). Hätten die Engländer zu Hause bleiben und in die Kissen weinen sollen, weil die Hexe ihnen ja die Freiheit gebracht hat? Vermutlich ist es doch so, dass manchmal das Fressen wichtiger ist als die Moral, nämlich dann, wen man nichts zu fressen hat. So kommt es, dass in einer angeblichen Musterdemokratie die Menschen ihre Herrscher in die Hölle wünschen. Andererseits gibt es manchen blutigen Diktator, der von vielen seiner Untertanen bejubelt wird.

Leute wie Mossadegh, Allende, Sankara oder Lumumba waren Führer in ihren Ländern auf der Suche nach einer gerechteren Gesellschaft. Sie sind im Namen und mit Betreiben der großartigen westlichen Demokratien gestürzt, gefoltert und ermordet worden. In ihren Ländern kämpfen die jungen Leute noch heute darum, ihre eigene Demokratie nach eigenen Vorstellungen zu gestalten statt eine Scharade von Gnaden der “westlichen Zivilisation”. Und sie verehren noch immer die damaligen Führer, weil zu dieser Demokratie auch Bildung, Gesundheit und Ernährung und anderes gehört, wofür die genannten Namen heute noch stehen. Wenn man draußen zu stehen glaubt, wenn die Ereignisse weit von einem weg stattfinden kann man leicht mit dem Finger zeigen und auf die schmutzigen Hände weisen, aber die Suche nach einer besseren Welt übersehen.

Mit Hoederers Aussage über das unschuldige Herrschen verbinden sich für mich zwei Fragen: Es geht um den Kampf für eine gerechtere Gesellschaft unter den gegebenen Bedingungen. Kann man diesen Kampf überhaupt führen, ohne sich die Hände schmutzig zu machen? Die Gesellschaft, in der wir selbst leben, hat sich ihre relative Gerechtigkeit nicht zuletzt dadurch erkauft, dass sie die Kosten nach aussen verlagert. Sie werden nämlich wieder sichtbar als Teil der Ungerechtigkeit in den Gesellschaften der Dritten Welt. Die zweite Frage ist deshalb: Wie können wir überhaupt über die Kämpfe um Gerechtigkeit in Staaten wie Kuba urteilen, wenn wir zugleich Kenntnis und Mitverantwortung haben für die Nähfabriken in Bangladesh, die erwerbslosen Fischer und Kleinbauern in Westafrika und die zahllosen Toten im Mittelmeer? Die Externalisierung der Kosten war eine “Errungenschaft”, mit der sich die westlichen Demokratien eine längere relativ friedliche Zeit verschaffen konnten. Inzwischen, mit der Globalisierung, kommen die Kämpfe wieder zu uns zurück. Die Anzeichen sind die Flüchtlinge im Mittelmeer, die Entwicklung in Griechenland und insgesamt in Europa und der zunehmende neue Faschismus in den kapitalistischen Staaten des Westens.

Geschichte entwickelt sich nach ihren Gesetzen, die Personen handeln autonom. Das Geschehen ergibt sich aus der Wechselwirkung und da kommt keiner, der sich einmischt, ohne schmutzige Hände davon. „Fidel hätte ein Christus der Menschheitsgeschichte werden können, er war dahin unterwegs. Die Menschen liebten ihn, sie dankten Fidel. Es ist zum Heulen.“ Rafael Alcides, kubanischer Dichter


Über Jean-Paul Sartre und “Die Schmutzigen Hände” (Les Mains Sales) http://www.neuewoertlichkeit.de/die-schmutzigen-haende/

Essay von Carlos Manuel Alvarez in der Tageszeitung taz. Die zwei Gesichter des Fidel https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5360786&s=castro/

Michael Ramminger für das Institut für Theologie und Politik (ITP): Fidel Castro gestorben – Kein Nachruf http://www.itpol.de/?p=2469

Letzte Bearbeitung: 29.11.2016

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