“In der Dunkelheit kann viel passieren, Bwana.”

“Und was?” – “Das weiss man, wenn es passiert, Bwana”

Der schwedische Schriftsteller Henning Mankell ist durch seine Kriminalromane über den Kommissar Wallander bekannt geworden. Als profunder Kenner Afrikas hat er aber eine ganze Reihe spannender Bücher zu afrikanischen Themen geschrieben. Zu einem davon, “Die rote Antilope” habe ich hier schon geschrieben. Hier sei noch eines vorgestellt:

Henning Mankell
Das Auge des Leoparden
ISBN 978-3-423-21387-5
Original 1990, deutsch 2004
Neuausgabe: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag 2012

Der Roman erzählt die Geschichte des Schweden Hans Olofson, der in den sechziger Jahren nach Sambia kommt, dort eine Farm übernimmt und zwanzig Jahre lang bleibt. Am Ende verkauft er die Farm und kehrt nach Schweden zurück. Als Olofson in Afrika ankommt, versucht er, die Welt zu verstehen, um sie zu verbessern. Als er zurückkehrt, hat er sich verändert; alles andere bleibt offen.

Olofson stammt aus einem Dorf mit geordneten Verhältnissen, aber einer ärmlichen Bevölkerung mit beschränktem Horizont. Das Klima ist kalt, die Menschen leben einzeln und isoliert. Er selbst ist Aussenseiter, wird von seinem Vater, einem gestrandeten Seemann, allein erzogen. Olofson will aus der “Hölle aus schmutzigem Schnee und Holzhäusern” entkommen. Noch sind die modernen Medien und mit ihnen veränderte Perspektiven nicht in Nordschweden angekommen. Irgendwo müssen aber die Wahrheiten zu finden sein, die er sucht. Er beschließt eine weite Reise zu einer Missionsstation zu machen, die vorerst nur ein Name ist: Mutshatsha.

Das eben unabhängig gewordene Sambia befindet sich in einer typischen nachkolonialen Situation: Es gibt keine funktionierende Bildung und Verwaltung nach westlichem Muster. Die Europäer haben mit ihren Farmen die Landwirtschaft in der Hand, den erarbeiteten Gewinn verschieben sie ins Ausland. Der verbreitete Rassismus liefert die Rechtfertigung dafür, dass die breite Bevölkerung abhängig gehalten wird. Die einheimischen “Eliten” spielen mit, weil sie sich am den Verhältnissen selbst bereichern. Die Rolle der Weissen hat sich überlebt, doch die Afrikaner unterwerfen sich noch, weil sie keine Alternative sehen. Olofson übernimmt die Leitung einer Farm. Er versucht, die afrikanische Gesellschaft zu verstehen und in seiner Umgebung die Verhältnisse zu verändern. Er bleibt aber Europäer, damit Vorgesetzter und Fremder, eben “Bwana”. Veränderungen können jedoch nicht von aussen, nur von innen kommen. Die Entkolonialisierung hat die Verhältnisse nur vordergründig geändert. Die neuen Imperialisten sind die Waffenhändler, die die Regierungen und die Rebellen versorgen. Milliarden an Entwicklungshilfe fließen in den Süden, doch noch viel größer sind die Reichtümer, die den Süden nach Europa verlassen. Unter der Oberfläche gärt es und die Zeichen mehren sich, dass die Menschen sich wehren.

Dialog:
“In der Dunkelheit kann viel passieren, Bwana.
Und was?
Das weiss man, wenn es passiert, Bwana.
Es gibt nur Tag und Nacht.
Manchmal tauchen auch noch andere Zeiten auf, Bwana.”

Der Roman wurde 1990 erstmals veröffentlicht, kurz darauf hat es in Sambia tatsächlich politische Veränderungen gegeben. Doch die Entwicklung in den ehemaligen Kolonien verläuft mühsam, weil die alten Mächte nach wie vor die Vorherrschaft haben. Der Vergleich von Mankells Sicht auf die nachkoloniale Situation damals mit den aktuellen Verhältnissen in der Welt ist lehrreich. Das Geschäft mit Waffen, der Raub an Rohstoffen und an fruchtbarem Land bereichern unverändert den Norden und verarmen die Völker des Südens bis auf eine kleine Oberschicht. Wie lange noch? Doch der Leopard ist unterwegs; noch weiss niemand, wann und wo der Leopard zuschlagen wird. “Nur der Leopard weiss, wo der Leopard ist”.

Links:
Henning Mankell
Mankell bei Wikipedia
Sambia bei Wikipedia

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