Mord als Staatsraison – Patrice Lumumba

“Seitdem Lumumba tot ist, hört er auf, eine Person zu sein. Er wird zu ganz Afrika.” – Jean-Paul Sartre

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Patrice Lumumba

Am 30. Juni 1960 erlangte die belgische Kolonie Kongo die Unabhängigkeit. Am 17. Januar 1961 wurde der kongolesische Politiker Patrice Lumumba ermordet. Lumumba war einer der jungen afrikanischen Politiker, die den Kontinent am Ende des Kolonialismus in eine unabhängige Zukunft führen wollten. Hinter der bestialischen Ermordung standen die belgische Regierung und die westliche Wertegemeinschaft. Allein zwischen 1961 und 1973 starben sechs afrikanische Führer bei Mordanschlägen, die von westlichen Diensten initiiert und unterstützt wurden.

Muepu Muamba:

Wißt ihr:
Dies ist mein Bruder,
der in der Blüte seiner Kraft
dort unten hingestreckt liegt,
ausgeweidet,
badend in seinem Blut,
wie ein zerbrochener junger Trieb
inmitten von Ruinen.

Die deutschen Medien haben seinerzeit Lumumba als verantwortungslosen jungen Wilden dargestellt, der Kongo dem kommunistischen Ostblock überantworten wolle. Dabei sollte die westliche Propaganda lediglich verbergen, dass nach wie vor das Ziel der westlichen Politik die Ausbeutung der Bodenschätze des Kongo war. In dieser Hinsicht erinnert der Fall Lumumba an aktuelle Ereignisse und deren Darstellung in unseren Medien. Die realen Motive und Beweggründe werden verschleiert durch eine Propaganda, die auf rassistische und chauvinistische Versatzstücke setzt und ein einseitiges Denken in Kategorien von Gut und Böse pflegt. Inzwischen stehen weniger Mordanschläge im Vordergrund, sondern z.B. das Stützen von genehmen Diktatoren durch Unterdrücken von Widerstand, das Austauschen von gewählten Regierungen oder das Anzetteln von Bürgerkriegen, alles im Namen von Freiheit und Demokratie, in Wirklichkeit zur Sicherung von Macht, von wirtschaftlichen Vorteilen oder der Beschaffung von Rohstoffen.

Patrice Lumumba war sich völlig im Klaren über die Gefahr, in der sein junges Land und insbesondere er selbst schwebte. In seinem letzten Brief an seine Frau zeigt sich eindrucksvoll, mit welcher Leidenschaft er seinen Landsleuten verbunden war, die er aus dem Käfig der Armut und Abhängigkeit führen wollte, in die sie die ehemaligen Kolonialmächte durch geführt hatten. “Denn ohne Gerechtigkeit gibt es keine Würde und ohne Unabhängigkeit gibt es keinen freien Menschen.” Patrice Lumumba im Brief an seine Ehefrau, dessen Text hier dokumentiert ist:
https://bilddung.wordpress.com/2013/04/03/geheimdienste-die-dunkle-seite-der-macht/

Verhaftung

Kongo war völlig unvorbereitet in die Unabhängigkeit entlassen worden. In ganz Kongo gab es kaum jemanden mit einer akademischen Ausbildung oder mit Verwaltungskenntnissen. Offensichtlich hatte die belgische Kolonialverwaltung darauf spekuliert, dass nach dem belgischen Rückzug das Chaos ausbrechen würde. Zugleich hatte aber der Westen, insbesondere die ehemalige Kolonialmacht Belgien, großes Interesse an der Kontrolle der Bodenschätze. Die Beteiligung des Westens und des belgischen Königshauses am Bürgerkrieg und an der Ermordung Lumumbas ist durch das belgische Parlament offiziell festgestellt, aber im Detail immer noch ungeklärt. Das Ende der Kolonialzeit ist voll von solchen straflos gebliebenen Gewalttaten. Dieses Motiv der Straflosigkeit belastet die afrikanischen Länder bis heute. Es wird immer wieder sichtbar in den Texten des kongolesischen Schriftstellers Muepu Muamba, der heute im Exil in Frankfurt lebt. Muepu Muamba schreibt über den Lohn der Straflosigkeit: http://www.kongo-kinshasa.de/kommentar/kom_093.php

Heute sind die Rohstoffe des Kongo noch immer ein Segen für die lokalen Machthaber und ein Fluch für die Bevölkerung. Millionen von Menschen sind Opfer von Mord, Vertreibung und Hunger geworden. Einheimische und fremde Milizen streiten um Gelände, Material und Profite. Ausländische Mächte liefern Waffen gegen Erze. Den Profit machen die Kriegsherren und die Rohstoff-Konzerne. “Handy ohne Blut? Wer will ein Handy, an dem ein Kriegsherr verdient? Eben. Deshalb werden Erze aus Kongo boykottiert. Aber das ist zu einfach…”Simone Schlindwein und Dominic Johnson:
http://www.kongo-kinshasa.de/taz/taz2009/taz_090704.php

Patrice Lumumba ist den Afrikanern zu einem Symbol für das nachkoloniale Afrika und für die Suche nach dem Weg in eine friedlichere Zukunft geworden. “Unsere Kultur, unsere Demokratie steht gegen Unfrieden, Hass und todbringende Gewalt” sagte Bundespräsident Gauck in seiner Weihnachtsansprache 2014 über das, was man üblicherweise “unsere westlichen Werte” nennt. Weiss dieser Präsident, dass heute immer noch diese Werte gerne zugunsten von eigenen wirtschaftlichen Vorteilen und geopolitischen Interessen ignorert werden? Es scheint allerdings, dass immer mehr davon betroffene Völker sich diese Erfahrung merken.

Muepu Muamba:


Ihr wißt ja:
Nur die Achtung
in den Blicken
ist es,
die den Nährboden schafft,
der das Segel allen Friedens spannt,
der im Menschen wurzelt.

In seiner Rede zur Unabhängigkeit vor der belgischen Königsfamilie und der versammelten Weltpresse sagte König Baudouin I: “Die Unabhängigkeit des Kongo stellt den Höhepunkt des Werkes dar, welches vom Genie König Leopolds II. entworfen, von ihm mit zähem Mut umgesetzt und schließlich von Belgien mit Ausdauer fortgesetzt wurde … 80 Jahre lang hat Belgien dem Kongo seine besten Söhne geschickt …”

Patrice Lumumba in seiner Rede bei der selben Veranstaltung: “Wir haben erleben müssen, dass man uns verhöhnte, beleidigte, schlug, tagaus, tagein, von morgens bis abends, nur weil wir Neger waren … Wir haben erleben müssen, dass man unser Land raubte, aufgrund irgendwelcher Texte, die sich Gesetze nannten, aber in Wahrheit nur das Recht des Stärkeren verbrieften …”

Patrice Lumumba

Patrice Lumumba

Einige Informationsquellen:

Über Muepu Muamba und seine expressiven Gedichte:
http://www.riegweb.de/nord-sud/ich-komme-aus-dem-wasserland/

Der Arbeitskreis Panafrikanismus in München schreibt die Geschichte von Patrice Lumumba:
http://www.panafrikanismusforum.net/patrice-lumumba.html
Der dritte Panafrikanismus Kongress des AK wurde Lumumba gewidmet. Siehe Dokumentation:
http://www.panafrikanismusforum.net/video-dokumentation.html

“Patrice Lumumba: the most important assassination of the 20th century” von Georges Nzongola-Ntalaja
The US-sponsored plot to kill Patrice Lumumba, the hero of Congolese independence, took place 50 years ago today
“Africa: a continent drenched in the blood of revolutionary heroes” von Victoria Brittain
Between 1961 and 1973, six African independence leaders were assassinated by their ex-colonial rulers, including Patrice Lumumba of Congo, who was killed 50 years ago today

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