“Rufus, mein Freund, sag mir, was suchen wir eigentlich?”

TitelbildIn Helon Habilas Roman “Öl auf Wasser” suchen Zaq und Rufus eine entführte Frau und den Entführer. Vor allem suchen sie die Geschichte dahinter und ihre höhere Bedeutung.

Der Tagesverbrauch der Welt an Erdöl war 2012 ca. 90 Millionen Barrel. Dies sind mehr als 14.250.000.000 Liter. 2,5 Millionen Barrel davon werden täglich in Nigeria gefördert. Öl schwimmt auf Wasser wegen seiner geringeren Dichte. Öl löst sich nicht in Wasser, weil Öl im Gegensatz zu Wasser aus unpolaren Molekülen besteht.

Im Nigerdelta wird seit über 50 Jahren Erdöl gefördert. In dieser Zeit wurde die natürliche Umwelt und der Lebensraum der Menschen in unvorstellbarem Ausmaß zerstört. Gleichzeitig haben die Ölkonzerne und die nigerianischen Eliten gigantische Gewinne gemacht. Helon Habila hat dazu einen Umwelt-Thriller ohne moralischen Zeigefinger geschrieben.

Öl auf Wasser
Helon Hablia
Verlag Wunderhorn 2012
ISBN: 978-3-88423-391-7

Das Buch zeigt anhand eines Kriminalfalls die Folgen der Entwicklung für die Menschen des Nigerdeltas, ihre Versuche standzuhalten und sich zu widersetzen, um im Chaos aus Umweltzerstörung, gesellschaftlichem Verfall, bewaffneter Rebellion und staatlicher Unterdrückung ein menschenwürdiges Leben zu bewahren.

Zur Handlung: Der junge Journalist Rufus beginnt mit dem erfahrenen Zaq eine Reise in die Finsternis. Die Ehefrau eines europäischen Ölingenieurs ist verschwunden, offensichtlich von einer Rebellengruppe entführt und ins Nigerdelta verschleppt. Rufus und sein Kollege sollen recherchieren und betreten eine apokalyptische Landschaft aus Öl und Wasser. Auf der Suche nach der Vermissten streifen sie mit dem Boot durch verseuchte Mangrovensümpfe, finden menschenleere Dörfer, Menschen auf der Suche nach ihrer Zukunft, eine traditionsreiche Gesellschaft in Auflösung.

Die Landschaft ist verwüstet durch die Reste der Ölgewinnung, das Wasser verseucht, der Fisch ernährt niemanden mehr. Am Horizont brennen Tag und Nacht die Gasfackeln und verpesten die Luft. Hier verstecken sich bewaffnete Rebellen, die Anschläge auf die Ölanlagen verüben, für die Beschaffung von Waffen erpressen sie Lösegelder. Andere Bewohner suchen ihr Heil im Versuch, sich in Inseln des Friedens einzurichten, indem sie naturreligiöse Klöster gründen. Der Versuch scheint zum Scheitern verurteilt, aber das Bewahren der eigenen Würde und der Achtung vor der Natur stellt die einzige Chance auf einen Weg aus der Düsternis dar.

Der Autor schafft es, eine spannende Geschichte zu entwickeln und interessante Figuren auf ihre Reise zu schicken. Zugleich klärt er ohne Aufgeregtheit oder Larmoyanz über die Zustände und Machtverhältnisse auf, ohne anzuklagen oder Schuld zuzuweisen. Der Text ist zugleich lehrreich und unterhaltsam, ohne dem Leser eine Deutung aufzudrängen.

Der Roman hat mehrere Preise bekommen. Der Autor hat eine Homepage: Helon Habila

Der Verlag Wunderhorn Heidelberg gibt unter anderem eine kleine Reihe aktueller afrikanischer Literatur heraus: Afrika Wunderhorn. Darunter ist auch der hier ebenfalls besprochene Gedichtband von Chirikure Chirikure.

Einige Hintergrundinformationen zur Erdölgewinnung in Nigeria:

“In den 1950er Jahren wurde im Nigerdelta Erdöl gefunden. Seither hat Nigeria sich zum größten Erdölproduzenten Afrikas und zum elftgrößten der Welt entwickelt. Das Erdöl warf Milliarden Dollar schwere Gewinne ab, die der einheimischen Bevölkerung aber so gut wie keinen Nutzen gebracht haben. In vielen Fällen führt die Förderung von Rohöl zu schweren Umweltzerstörungen, denen die lokale Bevölkerung schutzlos ausgeliefert ist. Die Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und müssen ohne Strom und Straßen auskommen. Die Kämpfe um die Förderung der Ölvorkommen haben zu Konflikten innerhalb und zwischen Gemeinschaften, zwischen der Bevölkerung und den Erdölunternehmen, zwischen bewaffneten Gruppen und den Erdölunternehmen sowie den nigerianischen Sicherheitskräften geführt. Die Lage im Nigerdelta zeigt, wie die ungerechte Nutzung von Bodenschätzen und die ungezügelte Ausbeutung der Natur Armut und Konflikte verschärfen.”
Quelle: Ökumenisches Wassernetzwerk ÖWN

Die Deutsche Welle berichtet über die Bemühungen der kleinen Leute im Nigerdelta, vom Ölreichtum ihr Leben zu fristen: Ein paar Liter von Nigerias Öl-Reichtum.

Die Rolle des Staats und der Konzerne wird beleuchtet durch das Schicksal des nigerianischen Schriftstellers Ken Saro Wiwa, der wegen seines gewaltlosen Widerstands zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde: Wikipedia-Artikel zu Saro Wiwa.

“Sweet Crude” ist der Titel eines Dokumentarfilms über den nigerianischen Ölboom. Informationen findet man auf der Homepage zum Film. Hier sind noch zwei offizielle Videoclips zum Film:

Sweet Crude promotional reel (ca. 16 Minuten):

Sweet Crude Trailer (ca. 3 Minuten):

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